Hyperemesis Gravidarum – schwanger UND krank

Vor ein paar Jahren schien es noch als wäre ich mit meiner krankhaften Schwangerschaftsübelkeit eine von ganz wenigen Frauen in Österreich. Doch inzwischen lerne ich immer mehr Frauen kennen die in der Schwangerschaft an Hyperemesis erkranken.

Ich möchte euch hier ein paar Berichte von Betroffenen zur Verfügung stellen ….vielleicht erkennt ihr euch, eine Freundin oder Verwandte ja in dem einen oder anderen wieder! Wenn dem so ist, dann meldet euch gerne bei mir! Wir sind nicht allein-wir sind da füreinander!

Ein riesen DANKESCHÖN für die mutigen Frauen die mir ihre Berichte zur Verfügung gestellt haben! Die Berichte habe ich unverändert gelassen.

Bericht Nr 1:

Geliebte Kotzbrocken

Meine Schwangerschaften mit Hyperemesis Gravidarum (HG), Gedanken und Erinnerungen von Melanie Braun, Berlin

2005 wurde ich nach vielen Monaten des unerfüllten Kinderwunsches endlich schwanger.

Ich weiß zwar noch ganz genau, wann mein erstes Wunder gezeugt wurde, aber nicht mehr genau, wann das Kotzen begann. Irgendwann in einem frühen Stadium der Schwangerschaft, etwa um die 7. SSW herum. Vermutlich habe ich es verdrängt. Von da an begann eine schlimme Zeit, die von zig Mal Übergeben pro Tag, dauerhafter und anhaltender Übelkeit, Geruchsempfindlichkeit, sozialer Isolation, Einsamkeit, Unverständnis und Verzweiflung geprägt war.

Anfangs freute ich mich über die Übelkeit, denn wie ich mich schlau gelesen hatte, ist diese doch ein Zeichen einer festen intakten Schwangerschaft. Mein Frauenarzt und auch der Hausarzt freuten sich mit uns und beruhigten uns, dies wäre normal und würde spätestens nach der 12. SSW wieder vergehen. Man empfahl uns die üblichen Hausmittel, die ja bei normaler Schwangerschaftsübelkeit auch durchaus helfen. Ich probierte mich durch Ingwer in verschiedenen Darreichungsformen, dem obligatorischen Keks vorm Aufstehen, verschiedene Globulis (ua Sepia, Nux Vomica, Ipecacuanha), Sea-Bands, frische Luft (soweit es noch ging), Zitrusdüfte. Nichts half. Später verschrieb mir mein Frauenarzt Postafene (Meclozin), auch dies brachte keine Linderung, dann bekam ich Vomex (Dymenhydrinat), erst als Dragees, dann als Zäpfchen a 150 mg. Das machte sehr müde und ich begann vor mich hinzuvegetieren. Raus zu gehen traute ich mich nur kurz und nicht zu weit, da der Kreislauf mittlerweile nicht mehr mitspielte. Durch das dauernde Erbrechen bekam der Körper zuwenig Flüssigkeit. Immernoch hatte ich die Hoffnung, es bald durchgestanden zu haben. Ich war die ganze Zeit krank geschrieben. Meine Hebamme glaubte auch an die 12. SSW. Als ich in der 13. und 14. SSW war und sich nichts geändert hatte, sagte man mir, bei hartnäckigen Fällen geht so eine Schwangerschaftsübelkeit auch mal bis zu 16. SSW…..aber auch die verstrich ohne Besserung.

Kurzum, ich erbrach die ganze Schwangerschaft hindurch, manchmal bis zu 10-12 x am Tag, manchmal weniger. HG verläuft in Wellen, wie ich lernte; außerdem lernte ich, dass Luft riechen konnte. Ich konnte bestimmte Gerüche nicht ertragen. Der Geruchssinn hatte sich um gefühlt tausendfach verstärkt, ich kam mir vor wie eine Wölfin. Mein Mann war mir eine große Unterstützung, er brachte viel Verständnis auf und informierte auch die Verwandtschaft und Freunde, wie es mir ging. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt kannten wir die Diagnose Hyperemesis Gravidarum noch nicht. Viele Außenstehende wie zB Kollegen konnte damit nicht umgehen, sicher dachten auch viele, ich würde simulieren oder übertreiben. Ich konnte es in Ihren Augen sehen, bzw aus ihren Fragen heraushören.

Auch wenn es viel zu früh war, freute ich mich, als in der 37. SSW (36+0) meine Fruchtblase platzte und sich mein Kotzbröckchen auf den Weg machte. Sie war gesund, hatte nur aufgrund der Neugeborenengelbsucht noch auf die Neonatologie und in die Lichttherapie gemusst.

Ich würde die Geburt als sehr schön bezeichnen, mein Mann und meine Hebamme haben sie als dramatisch empfunden, denn wie ich erst hinterher erfuhr, stieg mein Blutdruck unter der Geburt enorm an, so dass hinterher eine Gestose diagnostiziert wurde. Ich hatte auch Eiweiß im Urin. Der erhöhte Blutdruck ist mir übrigens bis heute geblieben. Im Nachhinein erinnerte ich mich an Kreislaufprobleme und Flecken im Sehfeld an manchen Tagen, was aber der Übelkeit und dem Erbrechen zugeschoben wurde.

Wir waren sehr glücklich über unser Wunder und wollten das Schicksal nicht noch einmal herausfordern und nie wieder schwanger werden.

Ein paar Jahre später, meine Tochter war etwa 3 Jahre alt, kam doch hin und wieder der Gedanke an ein 2. Kind auf. Zumindest bei mir. Mein sagte zu diesem Thema: „ Ich will dich nie wieder so leiden sehen und so viel Angst um dich haben“. Mir ließ das Thema jedoch keine Ruhe. Ich begann zu recherchieren, machte einen Termin beim Chefarzt in der Klinik um ich zu informieren, wie groß die Chance sein, wieder an HG (mittlerweile hatte ich die Diagnose) und Gestose (Präeklamspie) zu erkranken. Der Arzt konnte mir diese Frage nicht beantworten. Es gäbe zu wenige Erkenntnisse darüber. Er sagte, „Frau Braun, ich würde mich freuen, sie schwanger wieder hier zu haben, wir werden sie dann regelmäßig überwachen.“

Also begannen wir es wieder zu versuchen. Es sollte allerdings noch mehrere Jahre dauern, bis es wieder klappte. Zu einem Zeitpunkt, wo wir schon nicht mehr daran glaubten, ein kleines Reihenhäuschen für uns drei gekauft hatten.

2012: Eines Morgens saß ich im Büro am Schreibtisch, schaute auf meinen Kaffeebecher vor mir und….mir wurde schlecht…von einem Moment zum nächsten…ich wußte sofort, ich bin schwanger. In mir wuchs die Erkenntnis, was mich in den nächsten Monaten erwartete. Meine Tochter war inzwischen 6 und ein Grundschulkind. Ich machte einen Termin bei meinem Frauenarzt, der sich für uns freute, aber mir auch sofort Vomex aufschrieb, mich krankschrieb und sich bei Kollegen informierte, was man noch tun könnte. Zu dieser Zeit hatte ich über www.hyperemesis.de Kontakt zu anderen Betroffenen und unsere HG Selbsthilfegruppe entstand, ich war besser vorbereitet. Postafene gab es in Deutschland nicht mehr, aber über die Internetapotheke konnte man Agyrax ordern, das ist auch Meclozin.

Ich probierte dies in Absprache mit meinem Arzt auch, aber es wirkte leider, wie beim ersten Mal nicht. Diese Mal involvierten wir auch den Hausarzt, der mir ambulant Infusionen anlegte. Und auch mit Akupunktur versuchten wir Linderung zu erzielen. Leider vergeblich. In dieser Schwangerschaft war das Erbrechen und die Übelkeit leider auch noch schlimmer als beim ersten Mal.

Ich nahm hochdosiert Vomex und an ganz schlimmen Tagen noch MCP dazu. Als meine Mutter eine Bemerkung machte wie „Vielleicht hättest du besser nicht nochmal schwanger werden sollen“ oder so ähnlich, bin ich ausgerastet. Ich weiß ja, dass sie das nur aus Sorge um mich sagte, aber man ist sehr dünnhäutig, wenn es einem schlecht geht und keiner das nachvollziehen kann.

Vitamine und Mineralien, wie sie Schwangeren empfohlen werden, konnte ich nicht mehr nehmen, sie verstärkten die Übelkeit noch.

Als auch die ambulanten Infusionen keine Linderung brachten, empfahl mir mein Arzt ins Krankenhaus zu gehen und mich „aufpäppeln“ zu lassen. Nach ein paar Tagen war ich soweit, und befolgte diesen Ratschlag. Ich ging ins Berliner Humboldt-Krankenhaus, auf die Frauen-Komfort-Station. (an diesen Tagen war ich so froh und dankbar, dass ich privat versichert bin). Dort waren alle sehr freundlich und ich bekam NaCl, an manchen Tagen mit Vitaminen. Man fragte mich, was ich essen möchte, sie brachten mir Astronautennahrung und hochenergetische Puddings… so genau weiß ich das nicht mehr. Ich stellte fest, dass mir salzige Brühen ganz gut taten. Eine Ärztin versuchte auch nochmal Akupunktur und einmal auch noch ein anderes Medikament, ich weiß nicht mehr genau, was es war, aber es half auch nicht. Die stetige Flüssigkeitszufuhr tat gut und so etwa nach 10 Tagen durfte ich nach Hause. Leider ging es mir zu Hause wieder schlechter. Ich vegetierte vor mich hin. Meine Tochter war nach der Schule und dem Hort oft zum Spielen bei Freunden bis mein Mann von der Arbeit kam und sie dort abholte. Ich konnte quasi nichts tun. Das Schlafzimmer war der geruchsärmste Raum im Haus, dorthin brachte mein Mann den Fernseher, damit ich wenigstens etwas Unterhaltung hatte. Einmal war ein Schulfest meiner Tochter, ich wollte unbedingt dabei sein und „dopte“ mich mit viel Vomex….konnte dort sogar einen Keks essen….bis die Wirkung des Medikamentes wieder nachließ und ich schnell nach Hause musste…aber es war ein Sieg über die HG. Ich konnte bei dem Fest dabei sein. Die Geruchs-Sensitiviät war so stark, dass ich, wenn ich durch die Straßen ging, sagen konnte, in welchen der Häuser Schimmel im Gemäuer war. Es war gruselig.

Vom vielen Erbrechen war der Hals entzündet, die Muskulatur im Oberkörper verhärtet und verspannt, ich hatte mit einem Reflux zu kämpfen. Mein Osteopath verschaffte mir mit ein paar wunderbaren Handgriffen Linderung. Der Mageneingang hatte sich durch die Würgerei verschoben, so dass immer etwas Magensaft den Weg aufwärts fand. Zumindest das konnte behoben werden, so dass der Reflux nachließ.

In der Klinik nahm ich an einer Gestose-Studie teil, dadurch war ich auch dort in 4 wöchigen Abständen zur Untersuchung/Beobachtung. Zum Glück entwickelte ich diesmal keine Gestose.

Meine kleine Tochter kam auch in der 37. SSW (36+4) gesund zur Welt. Seitdem sind wir nun also zu viert und ich erhoffe mir für meine Töchter, dass sie eines Tages von Hyperemesis Gravidarum verschont bleiben und dass die Forschung ein paar Schritte weiter ist als heute.

Bericht Nr 2:

Meine HG
Wie für alle Frauen mit sehnlichem Kinderwunsch war auch ich total aus dem Häuschen und voller Vorfreude als ich ENDLICH den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt. Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, dass mir die schlimmsten Wochen meines bisherigen Lebens bevorstanden…
Die Schwangerschaft wurde sehr früh festgestellt, 5. SSW – anschließend ging es mir noch 2 Wochen lang blendend. Ich freute mich darauf, die Schwangerschaft zu Hause zu genießen, alles in Ruhe vorzubereiten usw., da ich berufsbedingt sofortiges Beschäftigungsverbot erhielt.
Etwa in der 7. SSW ging es los – mir war schwindelig, ich fing an mich mehrmals täglich zu übergeben, alles aber noch in einem Rahmen, der erträglich war.
Mit den vergehenden Tagen steigerte sich die Übelkeit bis ich letztendlich täglich mehr als 25 Mal erbrach. Ich nahm zu Beginn knapp 10 Kilogramm ab, da ich wirklich nichts bei mir behalten konnte. Meine Hausärztin legte mir ambulant Infusionen zur Flüssigkeitszufuhr. Meine Frauenärztin war recht verständnisvoll, riet zu Vomex und MCP, was beides nichts half. Sie empfahl mir nach einigen Terminen auch Agyrax (obwohl ja in DE nicht mehr erhältlich), respektierte meinen Wunsch nicht ins Krankenhaus zu gehen und spielte Alternativen mit mir durch.
Ich habe teilweise mit dem Gedanken gespielt, die Schwangerschaft zu beenden. Ich war fix und fertig, am Ende meiner Kräfte. Ich habe Stunden mit dem Kopf über der Toilette verbracht, meine Speiseröhre brannte wie Feuer, ich konnte nichts mehr alleine, weder duschen, aufstehen, Auto fahren. Soziale Kontakte brechen ab, man nimmt nicht mehr am gesellschaftichen Leben teil. Grundsätzlich hab ich meine Emotionen gut im Griff. In der Schwangerschaft hab ich geheult wie ein Schlosshund.

Man fühlt sich allein gelassen. Von allen. Von meinem Mann, meiner Familie, den Ärzten, der Hebamme. Meine Hebamme nahm mich nicht ernst, hatte nur blöde Sprüche auf Lager und kümmerte sich auf gut deutsch einen Dreck um uns. Leider fand ich keine andere und blieb aus Angst nach der Geburt allein da zu stehen.

Das Thema Beziehung ist in der Zeit ne Sache für sich. Anfangs war mein Mann verständnisvoll und bemüht mir Gutes zu tun. Nach und nach ließ dies aber nach und schlug ins Gegenteil um. Irgendwie versteh ich ihn. Seine schwangere (nicht kranke) Frau sitzt zu Hause und ist zu nichts zu gebrauchen und er geht seiner Arbeit nach und hat über Monate hinweg noch diese Mehrbelastung. Es war hart. Und ich sehr wohl krank und nicht „nur“ schwanger.

Vom Umfeld kamen häufig gut gemeinte Tipps: Ingwerbobons, Globuli, Akupunktur, Sea-Bands… Ich war so verzweifelt, das s ich mich an jeden Strohhalm klammerte, geholfen hat nichts davon.
Einige Kommentare ließen mich aber auch an mir selbst zweifeln. „Hab dich nicht so, andere müssen auch noch arbeiten, du hast es doch eh so schön.“ „Sie müssen zur Akupunktur schon her kommen, es gibt keine Hausbesuche, so schlimm kanns nicht sein.“ (Hallo? Ich kann nicht mal alleine zum Duschen, wie soll ich die 30 Km Autofahrt schaffen?!) „Das Nicht-Annehmen des Babys verstärkt die Übelkeit natürlich“
„Ach, das ist bald vorbei, ab der 12. SSW geht s dir sicher wieder blendend.“ War ich wirklich zu empfindlich? NEIN!!!! Diese Leute hatten schlicht und ergreifend KEINE AHNUNG!!!!
Ich hatte Angst. Angst, dass mein Kleiner nicht genügend versorgt wird, dass meine Ehe zu Bruch geht, dass das Baby bleibende Schäden erleidet, dass ich eine schlechte Mutter bin/werde.
Ich begab mich an einem einigermaßen guten Tag (gut heißt in dem Fall, nicht öfter als 10 Mal zu erbrechen) auf die Suche nach Infos im lieben, weiten Internet. Dort stieß ich auf eine geschlossene Gruppe in Facebook, Selbsthilfegruppe hieß es in der Beschreibung.
Ich wurde dort Mitglied und ich muss sagen, dass mir diese unbekannten Mädels mehr geholfen haben, als alles andere.
Ob man sich einfach mal alles von der Seele schrieb oder seine Ängste äußerte, es gab immer aufmunternde Worte und liebe Tipps! Ich kann jedem nur raten, sich einer solchen Organisation anzuschließen. Diese Gruppe brachte mich noch vor der Frauenärztin auch auf das Medikament Agyrax, weches in DE aufgrund wirtschaftlilcher Aspekte nicht mehr vertrieben wird, aber in Belgien rezeptfrei bestellt werden kann! Mit diesen kleinen Tabletten nahm ich zwar bis zum Ende der Schwangerschaft 32 Kilogramm zu, aber ich war wieder in der Lage ne viertel Stunde spazieren zu gehen, mal staub zu saugen, alleine zu duschen. Die Übelkeit blieb, das Erbrechen reduzierte sich aber von ca. 25 Mal täglich auf im Schnitt 6 Mal. Leute, ich hätte nie geglaubt, dass man sich über 6 Mal kotzen freuen kann 😉
Es ging mir bis zur Entbindung nicht gut. Bei 40+5 wurde aus diversen Gründen eine Sectio durchgeführt. Ab dem Folgetag war die Übelkeit WEG und das wundervollste Geschenk der Welt bei uns!!! Es lohnt sich, es lohnt sich so über alle Maßen! Sagt euch das vor wie ein Mantra, es ist tatsächlich so!
Alles in allem finde ich persönlich, dass es viel zu wenig Aufklärung zu HG gibt und es oft in fälschlichem Zusammenhang von den Medien verwendet wird (schlimme Morgenübelkeit in den ersten Wochen ist KEINE HG!!!)
Aktuell ist mein Sohnemann 7 Monate jung. Aufgrund der Schwangerschaft steht ein zweites Kind momentan überhaupt nicht zur Debatte. Hyperemesis gravidarum beeinflusst mein Leben auch nach der Entbindung wie man sieht. Auch bei jedem Anflug von Übelkeit kommt die ganze Geschichte wieder hoch.
Sollte die Entscheidung FÜR ein zweites Kind irgendwann fallen, werde ich bestmöglich vorbereitet sein:
– verständnisvolle Hebamme
– Haushaltshilfe beantragen
– Agyrax von Anfang an, ggf. Zofran zusätzlich
– Austausch mit anderen Betroffenen
– Kinderbetreuung des 1. Kindes
– Einkaufsplan (wer kann wann was für mich besorgen)

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